Leben im Abgrund Selbstverwirklichung

Über das Subjekt im Kapitalismus und wie wir uns befreien könnten

Vortragsreihe in der Kriegkstraße 12

Ab 15.11.2013 jeden zweiten Freitag um 19 Uhr (abgesehen Weihnachtspause)

Newsletter & Diskussionsforum: subjekt_ffm@lists.riseup.net

 

Themenabende zu:

  • Theater, Tanz und eine andere Subjektivität
  • Marxistische Kulturkritik
  • Depression und Rationalismus
  • Unterdrückung von Leib und Natur
  • Rationalismus und Kapitalismus
  • Musik und Subjektkritik

 

Der subjektive Reichtum der Gesellschaften, in denen die Kultur beziehungsloser Beziehung herrscht, erscheint als unendliche Zahl von Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Aber jede dieser Möglichkeiten, die wir begehren und zu der wir zugleich gezwungen sind, erweist sich als Entwirklichung unserer selbst.

In unserer Gesellschaft sind die Menschen in ihrem Inneren von einer Dingheit besetzt. Sie sind geknechtet von einem objektiven, ihrer Kontrolle entzogenen Trieb – einem Trieb, der zugleich dem eigenen Wollen entspringt. In dieser ihrer Entzweiung mit sich selbst begehren sie nach Identität: in der Besetzung und Unterjochung ihrer Objekte, in eigener Größe und eigenem Wert, in der Abgeschlossenheit. Dieser Trieb ist so sehr mit ihrem Innersten verstrickt, dass sie sich nicht mehr davon lösen können: Obwohl sie oftmals darunter leiden, können sie nicht davon abgehen, können dieses Ding in sich nicht als etwas Fremdes erkennen. Dieses Ding ist ihr eigenes Selbst.

So sind die Menschen in allen ihren Vermögen vom Selbst bestimmt: in der zwischenmenschlichen Beziehung wie in der Wissenschaft, in der Liebe wie in der Politik, in den Wünschen ihres Konsums wie in ihrer Sprache. Ihr Denken strebt nach abstrakter Identität und ist von ihrem Leben verselbständigt. Ihre Geschlechtlichkeit ist beherrscht von der Aufspaltung in ein besetzendes, Bestehen für sich suchendes Selbst und ein zweites, dessen negative Identität in der Vermittlung und Reproduktion des ersten besteht. Um ihre Sucht nach Größe auszuleben, lassen sie sich von der Masse aufsaugen, in der sie sich für die abseitigsten, ihnen als spektakulär erscheinenden Dinge interessieren, für das Relevante jedoch nicht. Die Selbstentfremdung ist so sehr in sie eingeschrieben, dass sie in ihrer Körperlichkeit als solcher in der Form quasinatürlicher Eigenschaften existiert: Etwa in einer Abkoppelung der Sexualität als abstrakt körperlicher Befriedigung vom Reichtum geschlechtlicher Beziehungen.

Die Vorträge der Reihe sollen verschiedene Facetten des entfremdeten Subjekts sichtbar machen. Wir wollen damit einen Gegenstand für eine antikapitalistische Gesellschaftskritik diskutierbar machen, der oft nur schwer zu fassen ist, oft, anders als Kapital und Staat, ganz irreal zu sein scheint – der aber zugleich die Menschen fertig macht. Er zerstört ihr Leben, obwohl er kein Widersacher „draußen“ ist. Und insbesondere für eine linke Politik ist diese Diskussion notwendig zu führen: Das Subjekt dieser Gesellschaft tendiert allzu schnell zu einer Ästhetisierung von Politik, produziert Passivität gegenüber spektakulären Führungsstrukturen, Erlösungserwartungen, verfehlte Einschätzungen eigener Handlungsmacht.

Für unser eigenes Glück wie für gelingende Politik müssen wir Wege für die Emanzipation des entfremdeten Subjekts suchen. Dazu wollen wir mit der Vortragsreihe einen Anstoß geben.

 

Programm

15.11.2013

Theater, Tanz und eine andere Subjektivität

Theater suchen – Die Nicht-Methode nach Ricardo Bartís und Raúl Reyes Gespräch mit Nora Kühnhold

Tanz als Kunst der Selbstüberwindung im Werk Nietzsches Aura Cumita

Begleitend zum Vortrag zeigt Aura Cumita ein Video ihres Tanzstücks „Im Hof der Höfe“ nach der Vorlage von Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse".

29.11.2013

Marxistische Kulturkritik

Hausbesetzung und gegenkulturelle Lebensorganisierung Blauer Block

Der entfremdete Sinn. Zur Kritik der Subjektform des Kapitalismus Emanuel Kapfinger

13.12.2013

Depression und Rationalismus

Arbeit am Wahnsinn. Theorie und Praxis gegen den Wahnsinn rationalisierter Lebensverhältnisse Wolfram Pfreundschuh

17.01.2013

Das Naturmoment im Subjekt

Vortrag

Im Schraubstock der Freiheit? Zur gesellschaftlichen Konstitution der menschlichen Natur

Julia König und Philip Hogh

 

Video
Cliché - Transkategoriale Körperkonzeptionen
Hannah Fitsch,
4 min

Input

Das Fehlen von Praxis macht noch keine Theorie. Subjektivierung und politische Praxis
Hannah Fitsch und Alek Ommert

31.01.2013

!fällt aus! Rationalismus und Kapitalismus

Die Veranstaltung wird auf einen anderen Termin verschoben, der noch bekannt gegeben wird.

Errtaud – Eine Radio(logie) (von Antonin Artaud inspiriertes Hörstück) Björn Fischer

„Die Natur wurde zur toten Materie – einem Haufen Dinge“ (Max Horkheimer). Kritische Theorie über die Entstehung und Entwicklung des modernen Rationalismus und die Entfremdung von Natur Dirk Lehmann

14.02.2013

Musik und Subjektkritik

Everything’s nothing. Mainstream der Minderheiten (Fragmente zu Kunst(-Produktion) // Kulturindustrie, jetzt in 3D!) Diverse Daten

Neue Musik als Kritik des Subjekts. „Eingedenken der Natur“ (Horkheimer/ Adorno) durch Reflexion des Hörens als gesellschaftlicher Praxis (mit Musikbeispielen) Martin Dornis

 

Begleitend zur Vortragsreihe

Lektürekurs: „Kritische Lektüre Freuds in seiner Entwicklung“ Emanuel Kapfinger
Autonomes Tutorium im Wintersemester 2013/14 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Uni Frankfurt. Erster Termin: 23.10.2013.

Lektüreworkshop: „Wie die ‚wahre Welt‘ endlich zur Fabel wurdePaul Stephan
Lektüreworkshop zu Nietzsches Wahrheitskritik. Termine: 16. und 23.11.2013 jeweils 15 Uhr. Ort: Kriegkstraße 12.
Download des Readers - bitte vorbereiten!

Workshop: Diskussion des Textes „Kritik des Freudschen Systems der Psychoanalyse“ mit dem Autor Wolfram Pfreundschuh
Bitte den Text im Reader (Ausschnitte aus dem Text mit Fokus auf das Frühwerk) vorbereiten. Termin: 14.12.2013 14 Uhr. Ort: Kriegkstraße 12.

Lektüreworkhop: „Ich bin nichts, und ich müßte alles sein.” Die Anfänge moderner radikaler Kulturkritik bei Stirner und Marx Paul Stephan
Autonomes Tutorium im Wintersemester 2013/14 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Uni Frankfurt. Drei Einzeltermine in Absprache mit den Teilnehmern im Januar und Februar. Anmeldung an Paul_Stephan (bei) web de bis 8.12.2013.

 

Organisation: Jim Igor Kallenberg, Emanuel Kapfinger, Paul Stephan in Kooperation mit dem Kulturumwälzer

Dank an: Anna Steenblock, Kriegkstraße 12, Fachschaft des Fachbereichs 8 der Uni Frankfurt und Fachschaftenkonferenz der Uni Frankfurt